Zukunft der Arbeit

Zukunft der Arbeit

Diskussion am 24.02.2021
vorgestellt von Prof. Stefan Arcularius.

Einleitung

Seit etwa einem Jahr befinden wir uns im Ausnahmezustand – die Corona-Pandemie hat weltweit Auswirkungen auf fast alle Lebensbereiche. In den Unternehmen lief – nach einer kurzen Schockstarre – die Umstellung und Anpassung auf neue Rahmenbedingungen und Vorschriften, die sich teilweise täglich änderten, im Rekordtempo ab. Gab es zuvor in Deutschland noch Vorbehalte gegenüber mobilem Arbeiten und Homeoffice, so wurden diese in Windeseile über Bord geworfen. Flexibilität und lösungsorientiertes Denken bestimmen seit März 2020 von der Chefetage bis zu den Angestellten den Arbeitsalltag – es wird digitaler und teamorientierter gearbeitet als je zuvor.
Reise-, Übernachtungs- und Versammlungsverbote machen persönliche Treffen unmöglich – doch plötzlich stellten alle Beteiligten erstaunt fest, dass vieles auch ohne Präsenzveranstaltungen geht, und das oft richtig gut. Videokonferenz-Dienste boomen in der Krise. So berichtete die Deutsche Presseagentur im Sommer 2020, dass die Zahl der Zoom-Nutzer rasant gestiegen sei: Gab es im Dezember 2019 noch 10 Millionen Teilnahmen an Zoom-Videokonferenzen täglich, so waren es im April 2020 bereits bis zu 300 Millionen Teilnahmen täglich.

Wie stellt sich die Situation in Neusser Unternehmen dar? Wie gelang die Anpassung an neue Anforderungen, und was davon sollte beibehalten werden, um in Zukunft wettbewerbsfähig aufgestellt zu sein?

Darüber diskutieren Ende Februar 2021 Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder Neusser Unternehmen auf Initiative des ILT – European Institute for Leadership and Transformation mit Sitz in Düsseldorf und der Rheinischen
Mittelstandsberater AG (RMB) mit Sitz in Neuss. Die Online Veranstaltung wurde in Kooperation und mit Unterstützung der Wirtschaftsförderung der Stadt Neuss durchgeführt.

Als Bildungspartner des Mittelstands unterstützen sowohl das ILT wie auch die RMB AG Unternehmen und Führungskräfte darin, in einem sich ständig wandelnden Marktumfeld proaktiv zu agieren. Gerade Führungsaufgaben seien auf allen Ebenen anspruchsvoller und komplexer geworden, so das ILT und die RMB AG. Ziel der Bildungspartner ist es daher, Führungspersönlichkeiten miteinander zu vernetzen und Austausch und Lernen auf hohem fachlichem Niveau zu ermöglichen.

Die Neusser Führungskräfte nahmen die Gelegenheit gerne wahr, ihre Erkenntnisse aus den zurückliegenden zwölf Monaten unter Pandemie-Bedingungen auszutauschen, ihre Wünsche zu formulieren und gemeinsam den Blick nach vorn zu richten. Sie diskutierten mehrere Stunden lang – online – über Vor- und Nachteile des mobilen Arbeitens, ein neues Verständnis von Führung und das Stärken von Eigenverantwortung bei den Mitarbeitern.

So unterschiedlich die beteiligten Unternehmen auch aufgestellt sind – vom mittelständischen Familienbetrieb bis zum Weltkonzern, von der Finanzbranche bis zum Dienstleister im Gesundheitsbereich, von der Aluminium Industrie bis zum Versicherungswesen, von der Elektrotechnik bis zur Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung: Schnell wurde klar, dass sich alle Führungskräfte mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigen, dass alle vor vergleichbaren Herausforderungen stehen – und gleichermaßen von einem gegenseitigen Gedankenaustausch profitieren.

„Positiv überrascht haben mich vor allem unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In den Werken läuft alles rund, und auch die Arbeit im Homeoffice funktioniert hervorragend. Und das unter teilweise erschwerten Rahmenbedingungen. Dafür bin ich allen sehr dankbar.“

Volker Backs

Ergebnisse der Diskussionsrunde

Technologie – Einsatz & Verbreitung
Die Arbeitswelt wandelt sich durch zunehmende Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Zeitalter der vierten industriellen Revolution in einem rasanten Tempo – und das nicht erst seit der Corona-Pandemie, die dem digitalen Wandel allerdings einen riesigen Schub gegeben hat. Was bedeutet das für die Mitarbeiter*innen?

Besteht die Gefahr, dass ältere oder schlechter ausgebildete Arbeitskräfte abgehängt werden? Kann jeder mithalten bei diesem Tempo – und ist es aus Unternehmersicht überhaupt wünschenswert, jeden mitzunehmen? Denn: Wie finde ich die hochqualifizierten, motivierten Spezialisten, die ich künftig dringender denn je für mein Unternehmen brauche?

Auch über diese Fragen wurde ausführlich und durchaus kontrovers diskutiert.

„Es ist glücklicherweise alles nicht so schlimm gekommen, wie ich zunächst befürchtet hatte. Die Weltuntergangsstimmung zu Beginn der Krise hat sich schnell gelegt. Im Rückblick bin ich froh und stolz, wie es gelaufen ist. Wir haben neue Flexibilität entwickelt, und es ist beeindruckend, wie effektiv die digitalen Meetings ablaufen.“

Dr. Martin Heyes

Bereits seit Beginn des Industriezeitalters werde beklagt, dass technische Entwicklungen den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Doch das betreffe hauptsächlich einfache Tätigkeiten, für höher Qualifizierte gebe es immer Beschäftigungsmöglichkeiten.

Und das lebenslange Lernen sei ein Anspruch, dem sich künftig jeder einzelne noch stärker als bislang stellen müsse. Auch mit 55 Jahren müsse jeder noch in der Lage sein, sich umzuorientieren und sich flexibel auf geänderte wirtschaftliche Anforderungen einzustellen, so ein Teilnehmer.

„Industrialisierung und technischer Wandel vernichten keine Arbeitsplätze. Im Gegenteil! Mit jedem Innovationssprung entstehen auch mehr Arbeitsplätze als vorher. Damit nicht einige Beschäftigte komplett abgehängt werden, spielt Qualifizierung künftig eine noch wichtigere Rolle als heute. Dem Fachkräftemangel können wir nur mit Bildung begegnen.“

David Zülow

Der Einsatz digitaler Technologien macht jetzt und in Zukunft hybride Modelle für Arbeitszeit und Arbeitsort erst möglich – doch dies lässt sich nicht in allen Bereichen umsetzen. So sind die Arbeitskräfte in der Produktion, im Handwerk, in der Speditionsbranche oder im Gesundheitswesen weiterhin in den Werken, beim Kunden und beim Patienten vor Ort tätig oder haben Mitarbeiterkontakt. Sie sind dabei auf den bestmöglichen Schutz ihrer Gesundheit angewiesen. Aufmerksam beobachtet wird von den Diskussionsteilnehmern daher das Voranschreiten der Schutzimpfungen gegen das Corona-Virus in Deutschland.

Qualifizierung – Menschen & Fähigkeiten

Ob das mobile Arbeiten zum Erfolgsfaktor wird, hängt aber nicht nur von der Art der Arbeit ab, sondern auch von individuellen Befindlichkeiten. Insgesamt zeigten sich die Teilnehmer begeistert davon, wie – nach kurzem Innehalten – in der Belegschaft „die Ärmel hochgekrempelt“ wurden und jeder seinen Beitrag leistete, gemeinsam gut durch die Krise zu kommen. Doch ein Programmierer, der es gewohnt sei, alleine zu arbeiten, gehe anders mit dem Thema Homeoffice um als die Bürokraft, für die der soziale Umgang mit den Kollegen auch Lebensmittelpunkt bedeute.

So sind die Reaktionen der Menschen in den Betrieben ganz unterschiedlich und reichen von „Ich würde gerne auch nach der Pandemie weiterhin von zu Hause aus arbeiten.“ bis „Darf ich bitte so schnell wie möglich wieder in den Betrieb zurückkommen?“.

„Für den betrieblichen Frieden ist es wichtig, im Unternehmen individuelle Lösungen zu finden: Es gibt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gerne allein arbeiten und mit dem Homeoffice bestens zurechtkommen, andere dagegen vereinsamen und entwickeln sogar psychische Probleme.“

Dr. Martin Straaten

Führung – Leadership & Entwicklung

Teamgeist und Verantwortungsbewusstsein vermitteln

Einig waren sich die Teilnehmer des Zoom-Meetings auch in dem Punkt, dass die Eigenverantwortung und das Selbstmanagement, dass viele Mitarbeiter*innen in der Corona-Krise Tag für Tag beweisen, so weit wie möglich für das Arbeitsleben in der Zukunft Bestand haben sollten. Diejenigen, die nur „Dienst nach Vorschrift“ machen und nur auf „Anweisungen von oben“ reagieren wollten, würden künftig nicht mehr gebraucht. So sei es wichtig, die derzeitige Aufbruchsstimmung, den Mut, neue Wege zu gehen, und die Flexibilität mit in die Zukunft zu nehmen.

Die Corona-Krise hat es mit sich gebracht, dass den Mitarbeiter*innen ein weitaus höheres Maß an Eigenverantwortung übertragen wurde, als dies vorher denkbar war. Für die Führungskräfte bedeutet dies, dass sie ihr Rollenverständnis an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Sie geben nicht mehr ausschließlich den Weg vor, sondern delegieren Verantwortung.

Künftig heiße es im Idealfall nicht mehr: „Der Chef trägt die Verantwortung“, sondern: „Jeder trägt die Verantwortung für das, was er macht.“ Und so liegt der Vergleich mit einem Fußballteam nahe, das nur dann gewinnen kann, wenn jeder einzelne auf seiner Position Verantwortung übernimmt. Er würde mit seinen Mitarbeitern gerne so vertrauensvoll zusammenarbeiten wie eine erfolgreiche Fußballmannschaft, bekundete ein Teilnehmer. Weitergedacht könne diese Übertragung von Verantwortung aber auch bedeuten, künftig neue Vergütungsmodelle zu finden, die nicht ausschließlich an geleisteter Arbeitszeit gemessen werden, sondern an der erbrachten Leistung – so der Wunsch eines anderen
Teilnehmers.

„Je besser es künftig gelingt, Mitarbeiter zu Mit-Unternehmern zu machen, umso höher
wird die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens sein.“

Dr. Jörn Böhl

Vom „digitalen Schulterklopfen“

Dass sie einen Großteil der Mitarbeiter*innen nicht mehr täglich sehen, stellt Führungskräfte aber auch vor bislang unbekannte Probleme.

Wenn die persönliche Begegnung auf dem Flur oder in der Kantine wegfällt, wenn es so gut wie keine Gespräche von Angesicht zu Angesicht mehr gibt, keinen aufmunternden Blick und kein freundliches Zunicken – welche Möglichkeiten habe ich als Chef dann noch, den Mitarbeitern meine Wertschätzung zu vermitteln? Diese Frage stellte ein Teilnehmer in den (digitalen) Raum.

Unternehmenskultur – Werte & Handlungen

Work-Life-Balance neu denken
Wenn über neue Arbeitszeitmodelle und das Für und Wider von Homeoffice diskutiert wird, kommt schnell der Begriff „Work-Life-Balance“ ins Spiel. Doch ist es wirklich sinnvoll, ein Gleichgewicht zwischen Berufstätigkeit auf der einen und Leben auf der anderen Seite anzustreben? Impliziert dieser Begriff nicht vielmehr, dass Leben mit Freizeit gleichzusetzen ist und folglich Berufstätigkeit nicht zum eigentlichen Leben dazugehört? Dabei bietet doch auch oder sogar gerade das Arbeitsleben im Idealfall vielfältige Möglichkeiten zur persönlichen Erfüllung und Sinngebung.

Oder, wie es ein Teilnehmer der Diskussionsrunde formulierte, bei dem der heute fast inflationär verwendete Begriff von der Work-Life-Balance eher ein „Bauchgrimmen“ verursacht: Die Arbeit sollte doch vielmehr Teil des Lebens sein und nicht zum Störfaktor der Freizeit degradiert werden. So lautete ein Appell der Veranstaltung: „die Work-Life-Balance neu denken“. Andererseits müsse den Angestellten heute und in Zukunft ermöglicht werden, ihre Zeit individuell einzuteilen, um Arbeit, Familie und Freizeit miteinander zu verbinden.

Die Gesellschaft wird künftig offener, freier und individueller sein. Jeder wird verstärkt selbst dafür verantwortlich sein, wie er sich die Zeit einteilt. Es muss ein Ausbalancieren zwischen den Bereichen Arbeit, Familie und Freizeit geben. Sporteinheiten als persönliche Gesundheitsvorsorge sollten in den Arbeitsalltag integriert werden können

Dr. Dieter Welsink

Organisation – Strukturen & Prozesse

Zeitmanagement – Was tun mit den gewonnenen Stunden?

“Die beste Veränderung ist für mich, dass ich in den vergangenen Monaten durch den Wegfall von Dienstreisen sehr viel Zeit gespart habe. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass vieles dank digitaler Technologien auch ohne Reisen genauso gut funktionieren kann.“

Andreas Schwarz

Durch Reiseverbote und „Social Distancing“ sind auch zeitraubende Autofahrten während der Rush-Hour, unproduktive Wartezeiten auf Flughäfen und viele andere Zeiträuber weggefallen. Seit es keine Dienstreisen mehr gibt und ein Großteil der Menschen im Homeoffice tätig ist, verfügen sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer plötzlich über sehr viel mehr freie Zeit. Doch was fängt man mit dieser gewonnenen Zeit an? Wird sie sinnvoll eingesetzt für Gesundheit, Familie oder Weiterbildung? Oder wird einfach mehr gearbeitet, so dass am Ende gar keine zusätzliche freie Zeit übrigbleibt?

In diesen Zusammenhang passt ein Zitat von Dr. Patrick Adenauer – Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers: „Ob der Mensch oder Unternehmer die neuen Freiräume wieder nutzt, um noch effizienter, noch besser zu werden, das ist kritisch zu hinterfragen. Ergebnis ist doch, dass sich das Rad der Wirtschaft dann noch schneller dreht und die persönlichen Reserven gleich wieder aufgezehrt werden. Auf unternehmerischer wie gesellschaftlicher Ebene sollte eine Akzeptanz dafür geschaffen werden, dass eingesparte Zeit auch ohne schlechtes Gewissen zum Ausruhen, für Gedankenspiele oder zur Kontemplation genutzt werden kann.“

Doch davon sind wir offensichtlich weit entfernt. Die Teilnehmer waren sich einig darin, dass sich das Rad der Wirtschaft in der Tat immer schneller dreht, dass sich die Arbeit immer mehr verdichtet. Dies werde zwar schon seit Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert beklagt, doch das Tempo habe – gerade in den zurückliegenden zwölf Monaten der Corona-Pandemie – noch einmal rasant zugelegt.

„Chaplin 4.0“ – Das Rad der Wirtschaft dreht sich immer schneller

Einer der Teilnehmer prägte dazu den Begriff „Chaplin 4.0“. Er bezog sich damit auf den Film „Moderne Zeiten“ von und mit Charlie Chaplin aus dem Jahr 1936, in dem Chaplin einen Fabrikarbeiter darstellt, der an einem Fließband arbeiten muss, das in immer schnellerem Tempo läuft. Auch das Bild des Gefangenseins in einem „Hamster-Rad“, das stetig an Geschwindigkeit zulegt, passe früher wie heute – im Zeitalter der „Industrie 4.0“, der vierten industriellen Revolution. Beklagt wurde von einem anderen Teilnehmer, dass aktuell noch nicht mal die Zeit bleibe, sich einmal eine Auszeit zu nehmen, um ein Konzept zur digitalen Führung zu entwickeln – dazu lasse die tägliche Arbeit einfach keinen Raum.

Der Arbeitsplatz der Zukunft als Begegnungsstätte mobiler Mitarbeiter

Dass mobiles Arbeiten auch nach der Pandemie eine wichtige Rolle spielen wird – darüber waren sich die Neusser Unternehmer einig. Doch wie wird sich dies auf die Architektur der Stadt auswirken? Sind Bürogebäude in dem Ausmaß, wie wir sie heute haben, künftig überhaupt noch nötig?

Oder werden die Unternehmenszentralen in Zukunft andere Funktionen erfüllen als heute? Aus dem Teilnehmerkreis kam dazu der Vorschlag, den Arbeitsplatz der Zukunft als Begegnungsstätte mobiler Mitarbeiter zu definieren. Auch wenn die Arbeit künftig weitgehend mobil erfolgen sollte, sind Mitarbeiter*innen und Führungskräfte darauf angewiesen, Räume zum fachlichen Austausch und sozialen Miteinander zu haben. Der digitale Raum kann und soll den persönlichen Kontakt zwischen Menschen nicht vollständig ersetzen.

Für die Mitarbeiterbindung, den sozialen Zusammenhalt und die persönliche Identifikation mit dem Unternehmen gehe es auf Dauer nicht ohne persönliche Begegnungen von Angesicht zu Angesicht.

Ausblick: Transformation der Arbeitswelt

Nach einem konstruktiven Gedankenaustausch zogen die Neusser Unternehmer ein einhelliges Fazit.

Die Corona-Pandemie ist als deutliche Zäsur in der Arbeitswelt zu sehen. Wenn diese Krise hinter uns liegt und die Normalität zurückkehrt, wird es nicht wieder so sein wie vorher.
Zur Einordnung wurden fünf zentrale Handlungsfelder definiert:

  • Qualifizierung (Menschen und Fähigkeiten)
  • Führung (Leadership und Entwicklung)
  • Technologie (Technologie-Einsatz und -Verbreitung)
  • Kultur (Werte und Handlungen)
  • Organisation (Strukturen und Prozesse)

Homeoffice und mobiles Arbeiten werden die Arbeitswelt der Zukunft in weit stärkerem Ausmaß bestimmen als je zuvor. Aber – auch darüber herrschte Konsens – der persönliche Kontakt ist nicht zu ersetzen. Wünschenswert sind künftig hybride Formen des Arbeitens. Phasen mobiler Arbeit und persönlicher Austausch vor Ort wechseln sich ab. Unternehmenszentralen und Bürogebäude werden weiterhin gebraucht, haben aber teilweise andere Funktionen: Sie dienen als Ideenschmiede und zum gegenseitigen Austausch auch auf sozialer Ebene. Gleichzeitig sollten Unternehmen nach weiteren Möglichkeiten suchen, den Zusammenhalt unter der Belegschaft und damit die unerlässliche Bindung an den Betrieb auch virtuell zu ermöglichen.

Für die Führungskräfte ergeben sich dadurch neue Herausforderungen, dass sie ihre Mitarbeiterinnen nicht ständig sehen können, aber dennoch den Kontakt nicht abreißen lassen dürfen und das notwendige Feedback daher auf andere Weise übermitteln müssen. Diese Erkenntnisse decken sich mit den Forschungsergebnissen von Professor Werner Eichhorst vom Institute of Labor Economics in Bonn. In einem Interview mit „Zeit online“ betont Eichhorst, seiner Meinung nach wäre es falsch, den Büroraum an sich aufzugeben.

Es gehe vielmehr darum, den Mitarbeitern mehr Auswahlmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Grundsätzlich sei das Entstehen von Kreativität aber nicht ortsgebunden: „Eine gute Idee kann etwa auch entstehen, wenn sich zwei Kollegen zum Mittagessen im Café treffen.“

Um den Zusammenhalt auch mit denjenigen zu stärken, die mobil arbeiten, müsse nach neuen Möglichkeiten gesucht werden: „Zu denken wäre da etwa an Treffen in virtuellen Kaffeeküchen oder an gemeinsames virtuelles Anstoßen zum Feierabend.“ 3 Alle Teilnehmer waren sich zudem einig, dass die gewaltige Dynamik, die die Corona-Pandemie mit sich gebracht hat, unbedingt in die neue Zeit mitgenommen werden muss. Der Digitalisierungs-Schub hat die Arbeitswelt beflügelt – nun gilt es, diese technischen und persönlichen Errungenschaften weiter auszubauen. 12 Dass allerdings beim Thema Digitalisierung in Deutschland noch Nachholbedarf besteht, hat eine bundesweite Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter 3.500 Unternehmen ergeben. Auf einer Notenskala von 1 (voll entwickelt) bis 6 (wenig entwickelt) stuften die befragten Unternehmen ihren eigenen Digitalisierungsgrad als befriedigend ein (Note 2,9).

Nach Angaben des DIHK sind „die Umstände der Corona-Pandemie“ für „44 Prozent der Befragten der Grund dafür, Produktionsprozesse, Abläufe oder Dienstleistungen zu digitalisieren“. Gründe für die nach eigenen Angaben noch unzureichende Digitalisierung seien „die hohe Komplexität bei der Umstellung vorhandener Systeme und Prozesse (45 Prozent), hohe Kosten (40 Prozent) und fehlende zeitliche Ressourcen (38 Prozent)“, aber auch „unzureichendes Internet (35 Prozent)“. 4 Neben zunehmender Digitalisierung wird die Berufswelt künftig durch eine freiere Einteilung der Arbeit – räumlich und zeitlich – gekennzeichnet sein. Dies ist an eine stärkere Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen gebunden. Dass sie dazu in der Lage sind, haben die Mitarbeiterinnen in der Krise bewiesen. Diese positive Tendenz sollte unbedingt weiter unterstützt und gefördert werden, so die Meinung der Neusser Unternehmer.

Dass es künftig – auch im Zeichen des Klimaschutzes – wahrscheinlich weitaus weniger Dienstreisen geben wird als vor der Pandemie, gehört nach Ansicht der Diskussionsteilnehmer zu den positiven Folgen der Krise, die ja gezeigt habe, dass vieles auch ohne persönliche Treffen möglich ist. Wichtig sei jedoch, dass die dadurch gewonnene Zeit nicht direkt wieder „aufgefressen“ werde – etwa durch einen immer schneller getakteten Arbeitstag, in Form von zusätzlichen (digitalen) Meetings und durch zunehmenden E-Mail-Schriftverkehr. Die Zeit sollte vielmehr dazu genutzt werden, zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln. Oder, wie es einer der Diskussionsteilnehmer formulierte, man könne „nicht immer nur den Rasen mähen, sondern müsse auch daran denken, den Garten umzugestalten“.

Thesen zur Zukunft der Arbeit
  1. Die zukünftige dynamische Arbeitswelt erfordert viel Selbstmanagement und Selbststeuerung von den Mitarbeitenden. Darauf sind die Mitarbeitenden vorzubereiten und zu unterstützen.
  2. Führung wird sich weiter in Richtung digitale und agile Führung entwickeln
    Remote Leadership, Servant Leadership. Führungskräfte müssen entsprechend
    entwickelt und unterstützt werden.
  3. Führung muss trotz Digitalisierung die persönliche Wertschätzung des Mitarbeitenden hochhalten.
  4. Die Arbeitsorganisation muss hybrid gestaltet werden unter bestmöglicher Nutzung
    von Automatisierung und KI. Die Organisationen sind agil auszurichten bei gleichzeitigem „Wohlfühlen“ und Vernetzung aller Mitarbeitenden.
  5. Die Mitarbeitenden sind jederzeit in ihrem gesamten Arbeitsleben entsprechend ihren Potenzialen, ihren aktuellen Lebensarbeitssituationen und den Unternehmensbedürfnissen nachhaltig zu fördern und zu entwickeln. Nur so kann der Fachkräftemangel aktiv beherrscht werden.
Verzeichnis der Teilnehmer*innen

Initiatoren:
Klaus H. Engels, Geschäftsführer ILT – European Institute for
Leadership and Transformation GmbH (Moderation)

Prof. Stefan Arcularius, Vorstand Rheinische
Mittelstandsberater AG (Moderation)

Gastgeber:

  • Volker Backs, Geschäftsführer Hydro Aluminium Deutschland
  • GmbH
  • David Zülow, Vorstand Zülow AG
  • Mitveranstalter:
  • Amt für Wirtschaftsförderung der Stadt Neuss,
  • Johanna Gatzke, stellvertretende Amtsleiterin
  • Sylvia Groten, Projektleiterin
  • Teilnehmer:
  • Dr. Jörn Böhl, Geschäftsführer GfA-Elektromaten GmbH
  • Dr. Martin Heyes, Managing Partner KBHT
  • Andreas Schwarz, Vorstand RheinLand Versicherungs AG
  • Dr. Martin Straaten, Geschäftsführer Bank 11 GmbH
  • Dr. Dieter Welsink, Geschäftsführer medicoreha Dr. Welsink GmbH
Quellen
  1. Süddeutsche Zeitung SZ.de, 01.09.2020.
    https://www.sueddeutsche.de/service/internet-corona-gewinner-zoom-rechnetmit-stabilem-geschaeft-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200901-99-380939
  2. Dr. Patrick Adenauer, Geschäftsführender Gesellschafter der Bauwens Gruppe,
    in:
    Zukunft der Arbeit, Diskussionspapier, ada & ILT, Düsseldorf, 15.09.2020
  3. Zeit online. Interview: Quentin Lichtblau. 29. 07. 2020
    https://www.zeit.de/arbeit/2020-07/arbeiten-corona-homeoffice-buero-digitalisierung-praesenzkultur-werner-eichhorst
  4. Deutscher Industrie- und Handelskammertag. 03.02.2021
    https://www.dihk.de/de/themen-und-positionen/wirtschaft-digital/digitalisierung/dihk-umfrage-wie-digital-ist-die-deutsche-wirtschaft–3540